Das Lebensglücksmodell des 20. Jahrhunderts ist am Ende

Gastkommentar von Peter Unfried zu dem Thesenpapier “Nachhaltiger Konsum

Peter Unfried, Foto: Anja Weber

Peter Unfried, Foto: Anja Weber

Es gibt unterschiedliche Bezeichnungen für den neuen Konsum: Nachhaltiger Konsum, moralischer Konsum, strategischer Konsum, effizienter Konsum, bewusster Konsum. Ich benutze derzeit noch den Begriff „verantwortungsbewusster Konsum“. Er beinhaltet die Ressourceneffizienz und faire Herstellung von Produkten, den Versuch durch (verändertes) Kaufverhalten Einfluss zu nehmen auf den Markt, seine Produkte, seine Produktionsbedingungen und die Produktlebenszeiten. Ich hoffe, dass man es schon bald einfach „moderner“ oder „zeitgemäßer Konsum“ nennen kann.

Die politische Dimension, die Rationalität und die Tugend sind nur die eine Seite dieses Konsums, die andere ist die Lust, so zu denken, zu kaufen und zu leben. Bestimmte Ökoprodukte werden die neuen Statussymbole sein und zu einem begehrenswerten Lifestyle gehören. Es geht darum, Konsum- und Lebensstilmuster zu entwickeln, die nachgeahmt werden können – in anderen Bereichen der Gesellschaft und in den Ländern mit dem nachholenden Wohlstand. Das kann auch Prestigekonsum sein. Die Menge macht es, nicht die radikale Gesinnung.

Der kritische Konsum, also sehr viel weniger zu konsumieren, ist ein theoretisch richtiger, aber wenig erfolgversprechender Weg, weil er die nötigen neuen Allianzen mit konsumorientierten Milieus – und das sind die meisten – nicht erschließt, sondern verhindert.

Sinnstiftung jenseits überkommener Muster

An dieser Stelle meldet sich in der Regel jemand und sagt tatsächlich oder angeblich empört: „Ja, aber der Hartz-IV-Empfänger…“ Kann sich kein Bioschnitzel leisten, keinen fairen Biobaumwoll-Anzug, ganz zu schweigen vom Fliegen, wenn Kerosin besteuert würde. Grundsätzlich richtig. Das Argument wird aber, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer, immer nur eingesetzt, wenn es gilt, notwendige Veränderung zu torpedieren. Noch nie wurde der Kauf eines riesigen SUV mit dem Hinweis versehen, dass sich das auch ein Armer leisten können müsse. Nur beim energieeffizienten Hybrid-Auto oder generell beim Versuch, Sozial- und Umweltkosten einzupreisen, wird als Verhinderungsargument die Ungerechtigkeit ins Spiel gebracht. Es ist auch andersherum: Der verantwortungsbewusste Konsument reduziert durch seine faire Kaufentscheidung die bestehenden globalen Ungerechtigkeiten und thematisiert damit den Zusammenhang zwischen ökologischer und sozialer Dimension des Klimawandels, des Umbaus der Wirtschaft und des neuen Konsumierens. Es geht im ersten Schritt darum, dass diejenigen anders konsumieren, die es sich leisten können.

Generell gilt: Das Lebensglücksmodell des 20. Jahrhunderts ist am Ende. Das Bürgertum in Deutschland wird neu bestimmt und damit auch die Werte unserer Gesellschaft. Konsumbürgertum (Consumer Citizenship) und Klimakultur sind zwei der neuen Werte, die künftig dazugehören werden. Auch weil sie Sinnstiftung jenseits von Religionen, Ideologien und einem überkommenen Links-Rechts-Schema versprechen. Die neue gesellschaftliche Mitte wird sich zunehmend Klimakultur aneignen und damit die Kompetenz, die Fehler der Gegenwart zu überwinden, etwa den berüchtigten Rebound-Effekt beim Konsumieren. Die Aufgabe der Politik ist es, die aus der Gesellschaft kommende Dynamik mit entsprechenden Markt-richtlinien zu beschleunigen.

Peter Unfried

ist Chefreporter der taz und Autor des Buchs

„Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont).

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